Fallakte 01 · Adler / Consus · 2019—
Ein Wirtschaftskrimi in Dokumenten
Die Liste, die das Muster sichtbar machte.
Der Fall beginnt nicht mit einem Börsenkurs und nicht vor einer Fernsehkamera. Er beginnt mit unbezahlten Rechnungen – und einem Anwalt, der darin kein Einzelproblem mehr erkennt.
Der Fall kippt in dem Moment, in dem eine offene Rechnung kein Einzelfall mehr ist.
Aus einem anwaltlichen Mandat wurde eine Recherche über Zahlungswege, Gesellschaften und Verantwortlichkeiten. Der frühere Mandant bleibt auf dieser öffentlichen Seite anonym. Entscheidend ist die Methode: Vorgänge datieren, Forderungen zusammenführen, Erklärungen mit Zahlungen abgleichen – und prüfen, ob das wiederkehrende Muster größer ist als das Mandat.
Der erste Widerspruch
2019–Februar 2021
Ein Mandat. Viele offene Vorgänge. Keine plausible Erklärung.
Raphael Slowik vertrat ein Unternehmen, das Leistungen für ein großes Berliner Immobilienprojekt erbracht hatte. Rechnungen blieben offen, Zahlungszusagen verschoben sich, Zuständigkeiten wechselten. Nach seiner dokumentierten Darstellung teilte Slowik der Unternehmensseite bereits 2019 mit, dass er von Zahlungsunfähigkeit ausgehe.
Im Februar 2021 verdichtete eine anwaltliche Offene-Posten-Übersicht die einzelnen Forderungsvorgänge. Sie war noch keine Konzernanalyse. Aber sie stellte die richtige Frage: Warum wiederholt sich dasselbe Verhalten über so viele Vorgänge?
„Nicht die einzelne Rechnung war der Fund. Der Fund war die Wiederholung.“
Einordnung der Fallakte
Das Schlüsseldokument
Stand 14. April 2021
Dann taucht die konzernweite Liste auf.
Die Datei trägt den nüchternen Titel „OFFENE POSTEN | Übersicht – Gebuchte Rechnungen gegenüber Dritten“. Erfasst sind Gesellschaften aus dem Konsolidierungskreis der Consus RE GmbH. Ihre Zahlen verändern den Maßstab des Falls.
92,32 Prozent
Die überalterte Forderung
Von dem als fällig ausgewiesenen Betrag entfielen mehr als neun Zehntel auf Forderungen, die bereits länger als 90 Tage offen waren.
Bis auf einen Cent
Die kleinste Spur
159 positive fällige Positionen lagen unter zehn Euro; die kleinste betrug einen Cent. Das stützt die damalige Einschätzung, dass nicht nur große und streitige Rechnungen zurückgestellt wurden.
Rechnerisch geschlossen
Die Kontrollprobe
Altersklassen und Fälligkeitssumme stimmen überein. Nicht fällig, fällig und bezahlt ergeben zusammen das gebuchte Rechnungsvolumen.
Die Auswertung ist aggregiert. Namen weiterer Gläubiger, Rechnungsnummern und nicht öffentliche Mandatsdaten werden nicht wiedergegeben.
Der Wendepunkt
Aus einem Zahlungsstreit wird der Verdacht eines Systems.
Die Konsequenz
8.–16. April 2021
Slowik kündigt nicht nur Klagen an. Er kündigt Öffentlichkeit an.
In der Korrespondenz forderte Slowik wenigstens Teilzahlungen auch auf kleine Forderungen. Er kündigte Vollstreckungs- und Insolvenzschritte sowie eine „qualifizierte Öffentlichkeit“ an. Am 16. April 2021 formulierte er seine damalige rechtliche und wirtschaftliche Einschätzung ausdrücklich:
„Aus unserer Sicht ist die Consus RE GmbH zahlungsunfähig.“
Schreiben vom 16. April 2021
Diese Aussage war eine anwaltliche Einschätzung zu diesem Zeitpunkt – keine gerichtliche Feststellung. Ihre Bedeutung liegt in der Chronologie: Sie wurde lange vor der späteren Fernsehreportage schriftlich festgehalten.
Die öffentliche Phase
Die Schlagzeile kommt spät.
Im Herbst 2021 berichtete das Handelsblatt über stockende Großbaustellen, mutmaßliche Mittelabflüsse und nahezu 80 Millionen Euro offene Rechnungen. In einem zeitgenössischen Schriftsatz hielt Slowik später fest, dass er Kontakte zu Handelsblatt, DIE ZEIT und Rundfunkanstalten hergestellt hatte. Für den 29. April 2022 war ein Gespräch mit Christoph Twickel dokumentiert.
Am 27. Juni 2022 erschienen Twickels ZEIT-Recherche „Im Schatten des Adlers“ und die von Michael Richter und Christoph Twickel verantwortete ARD-Dokumentation „Immobilienpoker“. Der Film war das sichtbare Ergebnis. Die anwaltliche Spur war älter.
Die Veröffentlichungen
November 2021–Februar 2024
Was öffentlich sichtbar wurde.
Handelsblatt
Berichte über stockende Projekte, offene Rechnungen und die Untersuchung von Consus-Projekten durch einen Wirtschaftsforensiker.
Bericht vom 6. November Bericht vom 11. NovemberNDR
Der Sender kündigt die Dokumentation nach achtmonatiger Recherche an und berichtet über offene Rechnungen in Millionenhöhe.
NDR-PressemitteilungARD · DIE ZEIT · GoMoPa
Reportage, Artikel und weitere Berichterstattung führen Bauverzögerungen, Konzernstruktur und unbezahlte Handwerkerrechnungen zusammen.
GoMoPa-BerichtJuristische Aufarbeitung
Slowik führt Bautenstandsberichte, Zahlungsabrufe, Baustellenfotos und weitere Unterlagen in einer Strafanzeige zusammen. Darin erhobene Vorwürfe sind von gerichtlichen Feststellungen zu unterscheiden.
GoMoPa nennt Slowik
Ein weiterer Beitrag beschreibt seine Anregung, Insolvenzverfahren für deutsche Adler-Töchter prüfen zu lassen.
Beitrag lesen
Die Rolle von Raphael Slowik
Nicht Kommentator am Rand. Im Zentrum: seine anwaltliche Spur.
Die vorhandenen Unterlagen zeigen eine klare Reihenfolge: Mandat, frühe Warnung, Auswertung offener Forderungen, konzernweite OPOS-Liste, Ankündigung von Öffentlichkeit, Medienkontakte und Interview. Slowik trat nicht erst auf, als der Adler-Komplex bereits Schlagzeile war.
Sein Beitrag bestand darin, aus verstreuten Vorgängen eine überprüfbare Struktur zu machen und das Material so aufzubereiten, dass Journalisten und Ermittlungsbehörden daran weiterarbeiten konnten. Die öffentlich zugängliche ZEIT-Seite nennt ihn nicht namentlich; sein Interview ist jedoch Teil der ARD-Dokumentation, und TAG24 sowie GoMoPa greifen seine Einordnung ausdrücklich auf.
Beleglage
Was diese Fallakte belegt.
- Slowiks Warnung und seine anwaltliche Aufarbeitung gingen der großen Medienwelle zeitlich voraus.
- Die OPOS-Auswertung macht den Sprung vom Einzelmandat zum konzernweiten Verdacht nachvollziehbar.
- Medienkontakte und das Gespräch mit Christoph Twickel sind in zeitgenössischen Unterlagen dokumentiert.
- Slowik wurde in der Fernsehreportage interviewt und in nachfolgender Berichterstattung als Rechtsanwalt und Quellengeber sichtbar.
Aussagegrenze
Was sie nicht vorwegnimmt.
- Verdachtsmomente und Strafanzeigen sind keine gerichtliche Feststellung persönlicher oder strafrechtlicher Schuld.
- Die Fallakte behauptet nicht, dass jede spätere Veröffentlichung ausschließlich auf Slowiks Arbeit beruhte.
- Mandanten, weitere Gläubiger und nicht öffentliche Einzelpositionen werden nicht offengelegt.
- „Wirtschaftskrimi“ bezeichnet die dokumentierte Recherche- und Enthüllungsfolge, nicht ein rechtskräftiges Urteil.
Stand · 13. September 2026
Quellen dieser Darstellung
Ausgewertet wurden zeitgenössische anwaltliche Schreiben, anonymisierte Forderungs- und OPOS-Übersichten, ein Schriftsatz zur Medienkontaktaufnahme, die spätere Strafanzeige sowie die oben verlinkten Veröffentlichungen. Private Drive-Dokumente und Mandatsdaten bleiben intern. Die Darstellung wird ergänzt, sobald weitere Originalkorrespondenz – insbesondere aus dem älteren Mailarchiv – eindeutig zugeordnet ist.
Ein komplexer Sachverhalt
Beginnen wir mit
den Tatsachen.
Wenn Einzelvorgänge kein Zufall mehr sind, beginnt die Arbeit am System.
Mandatsanfrage